Wieder auf Achse in Colorado

(gesendet am 13. February 2012)
Guten Abend, alle miteinander!
 
Gerade haben wir das Abendessen beendet (Sesam-Bagels mit Avocado und einem phantastischen Roastbeef drauf), und jetzt will ich Euch ein bißchen von unserem ereignisreichen Wochenende berichten. Wir haben nämlich wieder ein Auto gemietet und dementsprechend unseren Sightseeing-Radius ausgedehnt. (Diesmal haben wir uns auf einen kleinen Madzda beschränkt, der aber ganz ehrlich in keiner Kategorie mit dem Chevrolet Suburban vom letzten Mal mithalten konnte.)
 
Eine der Hauptattraktionen in Boulder selbst ist die Teefabrik von Celestial Seasonings, die wir am Samstagvormittag besucht haben. Los ging es mit dem Probieren der meiner Erinnerung nach 78 Teesorten. Natürlich hat keiner von uns alle geschafft, aber von der Auswahl, die wir trinken konnten, war durchwegs jede Sorte spitze. Und dazu gehören auch so außergewöhnliche Kreationen wie die Schlittenfahrt mit Keksen (Sugar Cookie Sleigh Ride), die dank der über 150 Zutaten, die in der Fabrik verarbeitet werden, nicht nur gut riechen, sondern auch enorm gut schmecken.
 
Die Fabrikführung war vor allem für die Nase ein Erlebnis, denn schon der Marsch entlang an den Säcken mit Kräutern und Gewürzen aus aller Welt entführte uns geruchstechnisch alle fünf Meter in ein anderes Land: Hibiskusblüten und Zimtstangen, Ingwer und Cardamom, und exotische Sachen, von denen ich noch nie etwas gehört habe. In einem abgetrennten Raum werden schwarzer, grüner und weißer Tee gelagert, die, wie wir dort gelernt haben, alle von der gleichen Pflanze kommen. Der Unterschied liegt in der Erntezeit (weißer Tee kommt von den noch nicht ganz ausgewachsenen Pflanzen und kann nur an zwei Wochen im Jahr geerntet werden) und in der Verarbeitung (grüner Tee wird mit Wasserdampf behandelt, wodurch der Oxydationsprozeß angehalten wird, während die Blätter für den schwarzen Tee zerstampft und der Oxydation ausgesetzt werden). Entkoffeinierter Tee kommt übrigens aus Deutschland, wo eine Firma das Patent auf den Verarbeitungsvorgang besitzt. Der Geruch in diesem Raum war im positivsten Sinne atemberaubend; ich glaube nicht, daß ich schon einmal etwas Vergleichbares gerochen habe: Sehr exotisch und ganz und gar nicht so, wie der Tee riecht, wenn er aufgegossen wurde. Im Vergleich dazu riecht der aufgegossene Tee sogar schal und einfallslos.
 
Das nächste Erlebnis war dann gleich der nächste Raum, in dem, von allen anderen Zutaten getrennt, tonnenweise Peppermint, Spearmint und Catmint lagern („the world famous mint room”). Anfänglich treibt einem der Aufenthalt dort die Tränen in die Augen, aber das vergeht nach wenigen Augenblicken, und dann ist das Gefühl in der Nase, der Lunge und auch dem Kopf abermals unvergleichbar mit allen bisher erlebten Sinneseindrücken.
 
Im Anschluß an den Besuch bei Celestial Seasonings ging es zum Mittagessen in die Rocky Mountains, wo wir in einem Straßencafé über dem kleinen Städtchen Nederland auf knapp 2600 Metern Höhe die Aussicht und unsere Buffalo-Burger genossen haben. Das wird auch nicht das letzte Mal gewesen sein, daß wir in Nederland vorbeigeschaut haben; Anfang März sind dort die Frozen Dead Guy Days, zu denen wir unbedingt wieder dort aufschlagen werden. Doch dazu mehr, wenn es soweit ist.
 
Den heutigen Nachmittag haben wir dann unserer Anna gewidmet, nachdem sie an der gestrigen Fabrikführung aus altersbedingten Sicherheitsgründen nicht teilnehmen durfte. Der Ausflug ging ein paar Meilen Richtung Osten nach Lafayette ins World of Wonders Children’s Museum. Da Anna unter und Melli und ich über dem eintrittspflichtigen Alter sind, konnten wir den Ausflug sogar gratis genießen.  Zu sehen gab es dort eine Unmenge an kindgerecht dargestellten Themen, mit Exponaten zum Anfassen. Und obwohl unsere Anna noch recht klein ist, war es richtig schwer, sie bei Museumschluß wieder ins Auto zu bringen; vor allem die Seifenblasenmaschine, in die man sich hineinstellen konnte, hat es ihr angetan, und wir werden während unseres Aufenthaltes hier noch ein-, zweimal im Museum vorbeikommen.
 
Wir haben auch schon damit begonnen, eine Geburtstagsparty für Anna zu organisieren. Wir haben uns beim Dollar-Tree (eine Ladenkette wie Bagatella, wie wir sie in Lissabon haben) mit jeder Menge Feierdekoration eingedeckt, so daß das Ganze bunt und glitzernd wird, und Melli sitzt mir gerade gegenüber und schreibt Einladungskarten.
 
Tja, und morgen holt uns dann wieder der Alltag zurück. Mittlerweile weiß ich mehr über Schiffschrauben, als ich jemals über dieses Thema zu wissen gewollt hätte; mit Sicherheit jedenfalls soviel wie der Inhalt einer kleinen Diplomarbeit. Was einen am Thema Hydrodynamik wirklich zur Weißglut bzw. zur Verzweiflung treiben kann, ist die unverrückbare Tatsache, daß es zwei Referenzpublikationen gibt (eine, deren Ersterscheinung 1879 war, und deren aktuelle Fassung 1932 erschien, und eine andere, die 1977 veröffentlicht wurde), und alle anderen Autoren mehr oder weniger erfolgreich die Formeln von Hand zu Hand weitergeben, ohne daß sich auch nur einer fragen würde, ob sich bei dieser Art Flüsterpost nicht Fehler eingeschlichen haben, oder ob gewisse Erkenntnisse in der vor 150 gültigen Form heute überhaupt noch anwendbar sind. Allerdings glaube ich, daß ich mich jetzt ganz gut durch einige gute und auch einige schlechte Werke gebissen habe, und morgen endlich damit beginnen kann, die bislang ca. 1700 Zeilen an Ableitungen auf Schreibfehler prüfen zu können.
 
Eine kleine Fotoserie der letzten beiden Wochen gibt es unter http://informagic.org/Modules/Articles/ShowArticle.aspx?ID=61 zu sehen. Ich geh jetzt ins Bett und meld mich bald wieder.
 
Euer Andreas