Der wilde Westen, wie er wirklich ist

(gesendet am 1. April 2012)

Guten Morgen alle zusammen! Gleich vorweg: Fotos zu den hier geschilderten Ereignissen gibt es unter [ http://www.informagic.org/Modules/Articles/ShowArticle.aspx?ID=63 ] zu sehen. Der ausführliche Text dazu steht aber hier.

Seit der letzten Ausgabe der Heimatpost haben wir einiges erlebt, angefangen gleich mit dem abstrusesten Abenteuer, einem Besuch beim „gefrorenen alten Typen”. In Nederland, einem keinen Ort in den Rocky Mountains, ca. 30 Busminuten und gefühlte 1000 Meter höher von hier, hat ein illegal eingereister Norweger mit seiner ebenso illegal eingereisten Mutter vor mehr als einem Vierteljahrhundert seinen Großvater auf Trockeneis gelegt, in der Hoffnung, ihn irgendwann in der Zukunft wiederbeleben zu können. Das Ganze flog irgendwann auf und die beiden wurden des Landes verwiesen, aber die Nederlander beschlossen, den Großvater weiterhin mit Trockeneis zu versorgen, und aus ihm eine Ikone ihrer Stadt gemacht. Am ersten Wochenende im März wird das gefeiert, mit Frozen T-Shirt Contests, Eisbaden und Sargrennen, und Bowling mit tiefgekühlten Truthähnen. Klar, daß wir uns dieses Spektakel nicht entgehen lassen konnten. Zwar hat uns der starke Wind davon abgehalten das Fest am Haupttag zu besuchen (die Busse fuhren Nederland nicht einmal an), aber genug des Irrsinns haben wir doch mitbekommen. Außerdem war der extreme Temperaturunterschied zwischen Boulder (im Tal) und Nederland allein schon eine bemerkenswerte Erfahrung.

Voriges Wochenende dann waren wir in Denver beim alljährlichen Pow-Wow, einer Versammlung von Indianern aus dem gesamten Bundesgebiet der USA und Canada. Wir haben sogar mitgetanzt! So beindruckend das Ganze war, so wenig gute Fotos haben wir davon, weil alles in einer Halle stattfand. Jedenfalls wissen wir jetzt, daß der Federschmuck, den man in einschlägigen Westernfilmen zu sehen bekommt, nicht einmal annähernd das wiedergibt, was tatsächlich einem Festgewand entspricht: Bunt und mehr Federn, als man glauben könnte, daß es Vögel gibt.

In der vergangenen Woche war die Spring Break an der Uni, und trotz Abgabeterminen (oder gerade deswegen!) haben wir uns ein paar Tage freigenommen, um ins (für amerikanische Verhältnisse) nahe gelegene Colorado Springs zu fahren. Dort haben wir auf Empfehlung meines hiesigen Profs die Air Force Academy besucht, und einen so guten Eindruck von der Lehre dort vermittelt bekommen, daß uns die Einrichtung (allen Ernstes!) als über die Maßen gute Option für das Studium erscheint. Mal sehen, was die Anna dazu sagt, wenn wir Ihr in achtzehn Jahren das Studium dort ans Herz legen.

Der „Garden of the Gods” bei Manitou Springs macht seinem Namen alle Ehre. Allerdings sollte man sich nicht davon in die Irre führen lassen; es handelt sich hier nicht um eine besonders grüne und reichhaltige Vegetation (jedenfalls ich hatte mich darauf eingestellt). Vielmehr gibt es sagenhafte rote Steinformationen inmitten von Pinien und Aspen, die vor dem Hintergrund der Rockies ein phänomenales Gesamtbild ergeben.

Die Seven Falls in der Nähe von Colorado Springs (übrigens als Colorado City gegründet) sind laut ihrem Slogan so wichtig, daß man Colorado nicht gesehen hat, wenn man die Seven Falls nicht gesehen hat. Leider war der Jahreszeit wegen ein Teil der Wege gesperrt, aber nichtsdestotrotz wurden wir einmal mehr mit der atemberaubenden hiesigen Natur konfrontiert. (Und mir gehen allmählich die Superlative aus.) Und, um das Kontrastprogramm fortzusetzen, haben wir uns im Anschluß die Höhlenhäuser der Indianer in der kargen Berglandschaft über Manitou Springs angeschaut. Wie sehr sich seither die Menschen verändert haben: Was ich für (kleine) Fenster gehalten hätte, waren für die Eingeborenen dort die Türen, und Familien haben dort in mehrstöckigen Wohngebäuden in Ein-Zimmer-Wohnungen gelebt, deren Raumhöhe gerade mal für die Anna genügt.

Ein weiterer Höhepunkt unserer Reise war die Fahrt mit der welthöchsten Zahnradbahn von Manitou Springs aus auf den Pikes Peak. Leider habe ich jetzt kein Adjektiv mehr, das dieses Erlebnis adäquat beschreiben würde. Jedenfalls hat man von 4303 Metern aus einen wahnsinnigen Blick übers Land!

Abschließend gab es dann noch einen Besuch im einzigen Bergtierpark der Vereinigten Staaten, dem Cheyenne Mountain Zoo. Anna war von den Giraffen begeistert, die wir gleich zu Beginn gesehen und (von einer Brüstung auf deren Kopfhöhe aus) auch mit Salat gefüttert haben. Nur als dann eine von ihnen ihren riesigen Kopf auf Anna zubewegt und ihre Hand dann leicht mit den Lippen berührt hat, war ihr die Sache nicht mehr ganz geheuer. Da waren dann die Wellensittiche schon besser, die sie ganz gerne bewundert und gestreichelt hat.

Und ja, auch dieser Urlaub hat seine Unfälle gesehen: Jetzt wo es toll ist, Mama und Papa wegzulaufen, macht man das natürlich gerne. So lange, bis man auf der Nase landet, sich ein Stück vom Schneidezahn abbricht und blutet. Aber wenigstens sind die Zähnchen noch drin.

Das war’s für heute; jetzt geht’s in den Gottesdienst. Viele Grüße aus Colorado,

Eure Weltenbummler